Ein besonderer vorweihnachtlicher Flug

Dezember 2008


Ein besonderer vorweihnachtlicher Flug

Es war warm, viel zu warm für die Jahreszeit! Immerhin war es fast Mitte Dezember und das Thermometer kletterte schon seit Tagen in der Mittagszeit über die 25° C Marke! Phänomenal!

Er war ja schon weit über 60 Jahre alt und hatte schon einiges an Wetterkapriolen erlebt, aber so etwas noch nie! Ob das etwa mit der globalen Erwärmung zusammenhing?

Es ging jetzt stramm auf Weihnachten zu und trotzdem … so gegen 13:00 Uhr standen die schönsten Cumuli am blauen Himmel …, dicke, fette Cumuli! Zwar nicht allzu hoch, wahrscheinlich knapp 1000m GND, aber immerhin …. Aufwind! Bestimmt, so … 1-2 m / sec integriert!

Er überlegte: …, es ist Wochenende und am Flugplatz ist bei solch einem Wetter sicherlich Flugbetrieb …! Also …, nichts wie hin …, den Ventus schnappen und schauen, dass der Jahresflugstunden-Durchschnitt noch etwas erhöht werden kann!

Gesagt, getan! Das Auto wurde abgestellt, der Thermikhut aufgesetzt, Karten- und Dokumententasche unter den Arm geklemmt, die Apfelsaftschorleflasche an der Theke gefüllt und ab ging’s zur Halle, um den Segler von der Decke zu holen!

Ja was ist denn das …? Das war ja noch nie da …! So staunte er! Die Barbara war schon hier gewesen und hatte mit Hilfe einiger Kameraden den Ventus bereits abgeseilt und aus der Halle geschoben!

Na ja …, er sei ihr gegönnt …, so viel ist sie dieses Jahr auch noch nicht segel-geflogen …! So tröstete er sich selber!

Mal schauen, was die E3 macht …, die habe ich heuer noch kein einziges Mal geflogen …, dachte er und lenkte seine Füße zum Transportwagen.

Potzblitz …, zum Donnerwetter …! Der Peter steckte mit dem Oberkörper im bereits herausgeschobenen Rumpf und versuchte die beiden Batterien in der Halterung zu verstauen! Na so was …! Das gibt es doch gar nicht …, noch nicht einmal 11Uhr … und zwei Segelflugzeuge des LSV Erbach sind schon besetzt!

Er kam aus dem Wundern nicht mehr heraus!

Noch ist ein anderer Kunststoffeinsitzer da, die E4, … also nichts wie hin …. aber …, er ahnte es schon …, den Discus hatte sich bereits der Walter von der Decke herabgeholt und war gerade dabei die Flächenbezüge abzuziehen!

Verflixt und zugenäht …! Es wurde immer enger …! Die ASK 21 wird sicher zur Schulung verwendet…, er sah bereits einige Flugschüler mit Batterie und Fallschirmen in Richtung Halle verschwinden … und die Ka 8 … die wurde soeben kompliziert und mit viel Geschrei wie immer von Kevin und seinen Kumpeln von der Decke der Hagemeyer-Halle über die Yak vom Uli gehievt!

Bleibt nur noch der Duo-Discus …! Lieber Gott …, flehte er still vor sich hin, lass’ den bitte nicht auch noch besetzt sein …! Ich will doch heute meinen Hintern auch noch in die Luft kriegen!

Nein …, er war nicht besetzt! Still und verstaubt hing er an der Decke und kein Jürgen oder Schimmy oder Wolfgang wollten etwas von ihm!

Hervorragend … , murmelte er vor sich hin …, den habe ich heuer auch nur wenig geflogen … , vielleicht fliegt sogar jemand mit!

Aber kein Bernd und kein Nicolai waren da und auch sonst hatte keiner Lust sich hinten reinzusetzen! Dann wird eben ein leerer Sitzplatz herumgeflogen …, konstatierte er …auch recht …, selber Schuld …!

Nach dem etwas umständlichen Procedere des Herablassens des schweren Vogels, aus der Halle Hinausschiebens, Abkullerns, Flächenenden Aufsteckens, Höhenleitwerk Aufsetzens, Batterien Einbauens, Hecktank mit Wasser Füllens und Zugseil Anbringens, das er alles mit Hilfe einiger treuer Segelfliegerkameraden letztendlich doch in relativ kurzer Zeit geschafft hatte, war er nun etwas erschöpft! Nichts desto weniger schnappte er sich noch den vollen Wassereimer mit Schwamm und Leder, um den Staub einiger Wochen, respektive Monate des Nichtgeflogenseins, laut Bord-Buch, von Rumpf und Flächen zu waschen!

Auch das war endlich geschafft und nach dem durchgeführten Vorflugcheck stand einem Hinausziehen des Vogels an den Startplatz mit Auto, Seil und Flächenmann nichts mehr im Wege!

Es war auch höchste Zeit! 12 Uhr war vorbei und die vorweihnachtlichen Cumuli standen herrlich am Himmel! Die Ulmer waren längst in der Luft, Kasse und seine Flügelfrau Kerstin mit ihrer ASW 20 ebenfalls, denn er hörte schon die beiden über Funk die ganz passablen Thermikverhältnisse loben!

Im Schweinsgalopp ging es nun zum F-Schlepp-Start nach Osten, denn es blies ein strammer West-Südwest-Wind!

Kaum war er mit dem Duo draußen und hatte ihn ausgerichtet, da bog auch schon die blau-weiße Motormaschine um die Ecke und rollte auf die Bahn, denn der Michael hatte ihm einen F-Schlepp versprochen!

Das geht ja heute wie geschmiert …, ging es ihm durch den Kopf!

Ein paar helfende Hände legten das Schleppseil aus und montierten den Heck-Kuller ab. Er verschwand noch kurz zum Rand des Ackers um sich zu erleichtern und anschließend ging es, holter die polter, in’s Cockpit mit umgeschnalltem Fallschirm und diversen Kissen, Karten und Trinkflasche, Banane und Apfel, Pinkeltüte und Taschentücher, Kaugummi und Bonbon, Sonnenbrille und Lippenpomade! Diese für die nächsten 3-4 Stunden überlebenswichtigen Utensilien mussten griffbereit verstaut werden und sodann wurden sowohl er, als auch der leere hintere Sitzplatz ordnungsgemäß mit den Gurten verzurrt!

Ein ungeduldiger Einklinker schrie mit dem F-Schleppseil in der Hand: „Aus“! und er ließ etwas atemlos den gelben Knopf in die Arretierung schnappen! Fertig …! Es konnte losgehen!

Funk, Bordcomputer, Höhenmesser, Landeklappen, Anschnallgurte, alles ok! Haube zu, verriegeln und Sprechprobe … laut und klar!
Linker Daumen hoch, desgleichen die linke Fläche und schon rumpelte der Schleppzug über die Piste und hob, dank des starken Windes, bereits kurz nach der Halbe-Bahn-Markierung ab!
Michi zog ihn mit der Remo um Erbach herum Richtung Allewind und bereits in 450m Höhe wurden die Thermikstöße so heftig, dass er ausklinken konnte, das Fahrwerk einfahren und den 2-1/2m Bart, der durch eine dunkelgraue Cumulus-Wolkenunterseite gekennzeichnet war, mühelos auskurbeln!

Unfassbar …! Eine Thermik wie im Frühjahr …! Innerhalb weniger Minuten war er an der Basis, die bereits auf über 1200m angestiegen war! Er setzte den Integrator auf 2m McReady, und ab ging es mit 140 Sachen Richtung Blaubeuren – Münsingen!

Die Wolken waren Richtung Westen prächtig gereiht, schade, dass er kein Wasser in den Flächen hatte, aber auch so ging es mit wenig Kurbeln und starkem Variieren der Fahrt konstant nach oben bzw. er konnte bereits die Höhe um ca. 1300m über Platz gut halten!

Etwa 20 Minuten später war er bereits auf der Höhe von Münsingen – Eisberg! Die Basis war mittlerweile auf über 1600m gestiegen, da sah er voraus in Richtung Trochtelfingen – Gammertingen die Cumuli sprunghaft angestiegen mit eigentümlichen, messerscharf abgegrenzten Rändern! Welle …! schoss es ihm durch den Kopf …, Welle …! Wie schon öfters hier in dieser Gegend …! Nichts wie hin!

Er ließ den Duo sausen mit 160kmh und bei knapp 1000m hing er genau unter einer fast kreisrunden Cumulus-Wolke mit eigentümlicher schuppenartiger Unterseite. Er durchflog eine starke Turbulenz-Zone und fand dann nach einigen großen Zentrierkreisen unter der seltsamen Wolke plötzlich einen enormen Aufwindschlauch der zwar sehr eng, aber unheimlich ruhige 4-6m/sec integriert aufwies!

Spiralbohrerförmig stieg er mit 40-50° Schräglage nach oben, wobei ihm auffiel, dass die Windanzeige auf seinem Computer mittlerweile auf über 30kmh Nordwestwind angestiegen war! Die Höhenmessernadel stieg ruhig und stetig auf 2000m und er schätzte den Höhenabstand zu der Wolkenvorderkante noch auf mindestens 700-800m! Seltsamerweise ging die Aufwindzone, die, je höher er stieg, um so großflächiger wurde, nicht in die Mitte der Cumulus-Unterseite, sondern immer mehr dem Rand zu!

Bei 2500m Höhenanzeige muss Schluss sein mit dem Kurbeln … , schoss es ihm durch den Kopf …, dann bist du am Deckel angekommen, 3000m NN!

Er wunderte sich, dass auf der Segelflieger-Quatschwelle, die er mittlerweile gerastet hatte, nichts zu hören war über die ungewöhnlichen Thermikverhältnisse und rief ein paar Mal die Ulmer, den Winfried, die Barbara und Andere, bekam aber keine Antwort!

Unterdessen war er knapp auf 3000m NN gestiegen und seine Position war exakt über der Zollern-Alb-Kante, rechts unter sich konnte er das Hohenzollern-Schloß sehen!
Du musst Langen-Info rufen …, überlegte er sich …, wenn du noch höher willst! Schnell drehte er sich die Frequenz ein und glasklar wie immer bekam er sofort Kontakt. Leider war es nichts mit Höhersteigen, da er keinen Transponder hatte, aber man machte ihm den Vorschlag, wenn er weiter nach Westen flöge, soll er auf der Höhe der Autobahn Donaueschingen – Stuttgart nochmals rufen, dann könne er eine Genehmigung erhalten!

Das mache ich…, entschloss er sich, nachdem er Uhrzeit, Höhe und Wind überprüft hatte!
Die Wolken waren Richtung Schwarzwald zwar nicht mehr so häufig, aber anscheinend noch höher und genauso seltsam geformt!
Er dreht sich den Segelflugplatz Winzeln – Schrammberg in sein LX und hoffte dass er weiterhin so guten Aufwind finden würde wie bisher, um dort nicht absitzen zu müssen!

Der Wind hatte noch eine Idee zugenommen und zeigte jetzt Werte zwischen 35 und 40 kmh an! Langsam machte sich auch die Kälte bemerkbar, ein Blick auf den Thermometer zeigte ihm eine Außentemperatur von -10° C an! Gottseidank schien die Sonne noch mit starker Kraft in’s Cockpit, aber an den Zehen war die Kälte doch schon empfindlich unangenehm! Unaufhaltsam ging jetzt die Höhe von 3000m auf 2500 und 2000m zurück, denn er wollte so schnell als möglich zur Autobahn gelangen, um die Steigerlaubnis von Langen zu erhalten!

Mit schmalen Augen und leicht nervös blickte er nach Westen gegen die nun schon etwas tiefer stehende Sonne, um die quer zu seinem Kurs verlaufende Autobahn rechtzeitig zu erkennen! Nach unten, sowie nach Norden und Süden war die Sicht hervorragend, nach Westen dagegen sehr bescheiden! Sein Kurs nach Winzeln betrug 265°, sagte seine Computeranzeige, die Distanz noch 18 km.
Jetzt ruf’ ich mal Langen …, murmelte er vor sich hin, die Autobahn muss doch jeden Moment unter mir erscheinen …, und dabei flog er wieder unter einer bizarren Cumulus-Wolke einher.

Er nahm die Fahrt zurück auf 90 kmh, flog einige S-Schleifen nach links und rechts, um die Aufwindzone zu suchen und rief gleichzeitig Langen-Info! Wie versprochen, bekam er jetzt die Freigabe bis FL 160!
Die Höhe kann ich ja gar nicht ausnutzen …, registrierte er …, denn Sauerstoff führte er keinen mit.
Na ja, 3-1/2 bis 4000m geht auch ohne …, schob er die Bedenken zur Seite!

Seine Höhe war nun zusammengeschmolzen auf 1300m über Erbach und unter ihm zog die Autobahn durch. Die Wolke hatte sich noch nicht gerührt, er näherte sich nun ihrem westlichen Rand, dieser stand weit über ihm, er schätzte mindestens 2000m!
Als die Entfernung nach Winzeln noch 12km betrug, da packte den Segler ein so rasantes Steigen, dass er für ein paar Sekunden nach Luft schnappte! Vier bis fünf, schließlich 6m/sec Steigen, völlig ruhig und großflächig!
Ruck – zuck spulte der Höhenmesser 1500m, 2000m, 2500m ab, es ging hinauf wie in einem Fahrstuhl!

Schnell wurde es auch wieder kälter und als er die 3000m-Marke überschritten hatte, bildeten sich Eiskristalle links und rechts an der Haube!
Er versuchte nicht mehr zu kreisen, sondern nur mit 80-85 kmh den Duo genau gegen den Wind auszurichten! Das gelang auch, und mit west-nordwestlichem Kurs stieg er höher und höher!
Die Wolke war hinter ihm verschwunden und vor ihm nur noch stahlblauer Himmel und eine blendend gleißende Sonne!
Die 3-1/2tausend Meteranzeige waren bereits überschritten und es ging weiterhin zügig mit nun etwas geringerem Steigen, so um die 4m/sec, Richtung 4000!
Nun fror er richtig! Handschuhe hatte er natürlich nicht dabei und abwechselnd steuerte er mit der linken und rechten Hand, um die andere unter der Achsel ein wenig aufzuwärmen! Von seinem Kurs nach Winzeln war er abgekommen, er flog jetzt mit ca. 290-300° in Richtung Kinzigtal – Freudenstadt!

Er erinnerte sich an einen Flug mit Winfried vor ein paar Jahren, als sie zusammen tief am Rande des Kinzigtals bei 6-7/8 Bedeckung nach Thermik gesucht hatten … und … , dabei …, mit einem Mal stellte er an sich selbst fest, dass er nicht mehr ganz bei der Sache war und dass die Kälte ihm mehr zusetzte als er wahrhaben wollte!

Kontrollier’ die Instrumente und stell’ Berechnungen an …, mahnte er sich selbst! Das tat er und stellte mit Verwunderung fest, dass er die 4000m schon weit überschritten und langsam auf die 4-1/2 tausend zustieg! Die Sicht nach links und rechts war nicht mehr möglich, denn eine dünne Eisschicht hatte sich bereits 20-30 cm an der Innenwand der Haube nach oben ausgebreitet! Er versuchte das Eis mit den Fingern wegzukratzen, was er aber schnell wieder unterließ, da es schmerzhaft und ziemlich nutzlos war, denn die Kratzspuren bezogen sich erneut in sekundenschnelle! Auch das Öffnen des Schiebefensters machte er gleich wieder rückgängig, da eine solche Eiseskälte in das Innere der Kabine drang, dass es nicht zum Aushalten war!

Jetzt reicht es aber langsam …, mahnte ihn eine innere Stimme …, früher durftet ihr nicht länger als eine halbe Stunde über 3000m ohne Sauerstoff fliegen …, ja, früher …, sagte eine andere Stimme …, bei der alten Luftwaffe, da sind die Piloten bis 4000m ohne Sauerstoff geflogen …, und sicher auch darüber …, und der Jochen von Kalckreuth schreibt doch auch in seinem Buch, dass er unter 5000m keinen Sauerstoff schnüffelte …, und …, ja …, und …, plötzlich gab es ihm einen gewaltigen Riss …, er erschrak fürchterlich!!!

Er hörte laut und deutlich von seinem Rücksitz eine ihm wohlbekannte Stimme sagen: „Wos fleich’st na Du scho’ widder fir an Stiefel zam? Ha! Schau’ blos, dass’d roo kumm’st, Du Depp!“

Das war doch unverkennbar die Stimme seines Nürnberger Fluglehrers, bei dem er vor fast 50 Jahren das Segelfliegen gelernt hatte!
Er begann zu zittern, war es vor Kälte oder dem Unerklärlichen und hub an zu antworten: „Waldemar …, alte Hütte …, lebst Du noch …? Was tust denn Du da hinten in meinem Duo-Discus?“
Statt einer Antwort ging die Schimpfkanonade weiter: „Moust denn Du mit aller G’walt zu uns kumma, ha? Du houst dou herom ohne Sauerstoff nix verlurn! Und ob ih no leb’ oder scho g’storb’n bin, dou drüber kenna mir uns, wenn Du so weiter fleich’st, glei’ nu länger unterhalten, no vüll länger, Du Simp’l!“

Er versuchte den Kopf zu drehen, um einen Blick nach hinten zu ergattern, was ihm aber so gut wie nicht gelang, denn die Kopfstütze und das hintere Instrumentenbrett waren im Wege. Jahrzehntelang hatte er von seinem alten Fluglehrer nichts mehr gehört und nun heute, hier oben, hatte er so eigentümliche Halluzinationen! Und er war fest überzeugt, dass es Halluzinationen waren, gar nichts anderes war möglich!

Aber die Vergangenheit hatte ihn eingeholt, denn auf dieselbe Art hatte Waldemar, sein Fluglehrer, immer mit ihm gesprochen, wenn er wieder mal einen Schnitzer in der Fliegerei begangen hatte!
Er wollte sich weiter mit ihm unterhalten und fragte: „Früher, bei der alten Luftwaffe seid ihr doch noch höher ohne Sauerstoff geflogen …, oder?“

Statt einer Antwort von Waldemar hörte er jedoch jetzt laut und deutlich sich selbst, - man bedenke, sich selbst - von hinten antworten: „Mit der Dichte der Luft nimmt mit der Höhe auch ihr Sauerstoffgehalt ab!“

Es lief ihm heiß und kalt gleichzeitig über den Rücken! Hier stimmte doch etwas nicht! Er war doch voll in der Gegenwart, er träumte doch nicht! Er sah auf seine rechte Hand, die den Steuerknüppel hielt, er blickte auf den Höhenmesser, der jetzt allerdings bereits bei 4-1/2 tausend Meter stand, er kontrollierte die Fahrtanzeige mit exakt 85 kmh und sein Kurs betrug nach wie vor 290°!

Wieder ertönte seine eigene Stimme von hinten: „Der nachlassende Sauerstoffpartialdruck hat mit zunehmender Höhe erhebliche Auswirkungen auf den inneren Gasaustausch! Die Gefahr der Höhenkrankheit ist darüber hinaus vom Allgemeinzustand und Kondition des Piloten abhängig!“

Okay, okay …, sagte er laut zu sich bzw. nach hinten …, ist schon in Ordnung …, ich werde absteigen …, bist Du nun zufrieden …?
Aber ja doch …, ertönte es von hinten!
Jetzt aber war es nicht mehr seine eigene Stimme die ihm antwortete, sondern eine ihm völlig fremde!
Es war eine helle, junge, weibliche Stimme! Er zweifelte an seinem Verstand. „Wer sitzt denn jetzt hinter mir und erschreckt mich“, rief er entsetzt!

„Na, ich bin’s …“ kam die Antwort, „Du kennst mich doch …, ich bin doch die Bea …, die Beatrix Ripper aus Erbach!“

Nun glaubte er endgültig verrückt geworden zu sein, denn selbstverständlich kannte er die, noch mit Puppen spielende kleine Bea, die älteste Tochter von Sybille und Olaf! Er riss aus Erregung den Kopf so stark nach rechts hinten, sodass er wirklich einen wuscheligen Jungmädchenkopf auf dem Rücksitz zu erkennen glaubte!

Und munter sprudelte die Stimme von hinten weiter: „Ja, ja …, ich habe doch seit zwei Jahren meinen Segelflugschein und im Frühjahr war ich mit Mama und Papa und meinen vier Geschwistern in Sisteron und unseren Doppelsitzer, eine ASH 32, den hatten wir auch dabei und wir nahmen immer Sauerstoff mit, wenn wir zusammen flogen!“

Aus dem letzten Teil des Wortschwalls konnte er unschwer einen gewissen Vorwurf heraushören, der nicht unberechtigt war, aber ansonsten …, er war so richtig von den Socken, total verwirrt durch die Geschehnisse der letzten Minuten!
Jetzt konnte er sogar ein wenig in die Zukunft schauen bzw. einen kleinen Blick erhaschen!

Er wurde hart in seinen Gedanken gestört durch die fordernde Bemerkung aus dem Rücksitz: „Komm …, lass mich mal ein bischen fliegen …, Du bist ja ganz erschöpft!“

Dankbar übergab er das Steuer, um sodann seine eiskalten Hände sofort zu reiben und zu kneten und dabei blickte er links und rechts neben sich in den Rumpf …, und er glaubte, die hinteren Seitenruderpedale mit roten Damenstiefeln belegt zu sehen!
Gleichzeitig bemerkte er, dass der Duo von seinem bisherigen Kurs in einer flachen Kurve nach links abdrehte und mit ausgefahrenen Klappen Fahrt aufholte, um letztendlich mit 160 kmh am Stau einen neuen Steuerkurs von 095° einzuhalten!

Weiter ging’s von hinten: „Ich hab’ mir Erbach in Euer altes LX eingedreht …, wir haben noch eine Distanz von ca. 110 km zu fliegen und bei der Höhe können wir gut diese Geschwindigkeit halten, dann sind wir bei dieser Rückenwind-Komponente in einer halben Stunde am Flugplatz!“

Sie hatte vollkommen recht …, überlegte er …, bei einem Gleitwinkel von weit über 50 bei diesem Rückenwind und einer Höhe von über 4000m war der Heimatplatz leicht zu erreichen!

Sanft wurden die Klappen wieder eingefahren und er bemerkte zufrieden, dass es wieder etwas wärmer wurde, denn die Haubenvereisung an den Seiten schmolz langsam ab!
Die Sicht nach Osten war hervorragend, der Segelflugplatz Farrenberg kam langsam halb links voraus in Sicht und zog an ihnen vorbei!

Die Stimme von hinten scheuchte ihn aus seinen Überlegungen. „Jetzt kannst Du wieder übernehmen …, hab’ auch recht vielen Dank für den Flug …!“ Und ein leichtes, anhaltendes Lachen ertönte, das aber immer mehr in das pfeifende Geräusch des rasch dahin gleitenden Duo-Discus überging!

Hastig griff er nach dem Steuerknüppel, stieg in die Pedale, drehte sich ebenfalls Erbach in den Computer und dabei registrierte er einen Steuerkurs von exakt 095° und eine Strecke von nunmehr knapp 60 km bis zum Flugplatz, bei einer Höhe von über 2500 m!

Einige Kontrollblicke nach links und rechts zu den hinteren Seitenruderpedalen überzeugte ihn, dass diese nicht mehr belegt waren!

Er schnaufte tief durch und warf dann einen Blick auf seine Armbanduhr. Halb Vier war bereits vorbei, Sonnenuntergang war um diese Jahreszeit ca. 16:30; er hatte also noch genügend Zeit, um bei guter Sicht in Erbach zu landen.

Zwischen Münsingen und Hayingen war er noch gute 1800m hoch und er nahm die Fahrt auf ca. 120 kmh zurück, um unnötige Risiken auszuschließen, denn der Rückenwind war jetzt doch sehr stark zurückgegangen auf ca. 10-12 kmh. Dann rastete er die Frequenz von Erbach-Info, um zu erfahren, ob noch Segler in der Luft wären.
Er wäre der Letzte, erfuhr er; die Ulmer und Erbacher wären schon fast eine Stunde am Boden!
Er erbat sich einen Direktanflug auf die Landebahn 03, um nicht gegen die jetzt bereits tief stehende Sonne landen zu müssen und vor allem um direkt zur Halle zurückrollen zu können.

Das tat er dann auch, nachdem er die letzten Kilometer nochmals auf 200 kmh Fluggeschwindigkeit erhöhen konnte, um die restliche Höhe abzubauen!
Wie gewollt, rollte er nach der Landung nach links bis kurz vor den kleinen Hallenberg bei der Terrasse des Vereinsheims und erleichtert ließ er die linke Fläche nach dem Stillstand des Duo’s absinken!

Mit etwas zitternden Händen klappte er die Haube auf, öffnete Sitz- und Fallschirmgurte und kletterte mit steifen Knien mühsam aus dem Cockpit! Hinkend stelzte er Richtung Terrasse zu einigen dort stehenden Segelflugkameraden, die mit Weizen- und Pilsgläsern in ihren Händen bereits warteten!

Man rief ihm zu: „Wo bleibst Du denn so lange …, wir trinken Freibier …, der Eberhard gibt zur Feier des Tages einen aus!“

Ja …, ja …, schon recht … gab er müde zur Antwort …, ich komm’ gleich an die Bar …!

Dann frug er: „Wo seid ihr denn den ganzen Nachmittag gewesen, ich habe mir die Lunge aus dem Leib gerufen, aber nie eine Antwort bekommen! Die schönsten Wellen standen am Rand vom Schwarzwald …!“

Verständnislosigkeit schlug ihm entgegen! Sowohl Winfried und Kerstin als auch Barbara, Peter und Schimmy, Michi, Walter und Florian, Kevin und Armin und wer nicht noch alles, waren mehr oder weniger lange in der Luft gewesen, aber von Wellen und unheimlich hoher Basis konnte niemand etwas bestätigen!
Jeder erzählte bloß von mäßiger Thermik und Basis von 1300-1400 Metern unter den Cumuli, die sich aber bereits gegen 15 Uhr schon wieder aufgelöst hätten!

Betreten schwieg er! Was sollte er auch sagen?

Wenn man ihm die Wellenaufwinde schon nicht abnahm, was für Kommentare würde man denn dann zu den übrigen Geschehnissen abgeben?

Nein …, nein! Da war er lieber ruhig! Das war besser so!

Still in sich gekehrt ging er zum Duo-Discus, wobei die kleine Bea plötzlich um die Hallenecke gerannt kam …, mit kleinen roten Stiefeln an den Füssen!

Er musste laut auflachen und indem er die letzten 2-3 Stunden gedanklich zurückverfolgte, kümmerte er sich um den Doppelsitzer und kam letztendlich, neben verschiedenen flugmedizinischen Betrachtungen, zu folgendem Schluss:

Es war ein herrlicher Tag gewesen und ein phantastischer, außergewöhnlicher und besonderer vorweihnachtlicher Flug!

Ein Flug, wie man ihn nur erleben kann, wenn man Mitglied ist im

Luftsportverein Erbach

 

Ersonnen und vorgetragen von Wolfgang Hom anlässlich der Jahresabschlussfeier des LSV Erbach am 6. Dezember 2008 im Hotel Linde


 (C)2008 Wolfgang Hom